Bolero Braut und Hochzeitsgäste

Strick Bolero vergeblich gesucht

... Wie alles begann

Stillpause für 2 Stunden. Soviel Zeit habe ich für meinen 5. Hochzeitsladen. Ich suche nach einem Kleid und einer Jacke. Ich habe genaue Vorstellungen. Das macht es meist schwierig. Nichtsdestotrotz habe ich es gefunden; mein Brautkleid. Und nun? Ich möchte einen gestrickten Brautbolero. In den Geschäften finde ich einen Bolero, der mich sehr an die Küchengardine meiner Oma erinnert. Allseits auch gern angeboten: die Stola. Das habe ich schon oft beobachtet, wie das so ist, wenn man eine Stola trägt. Sie rutscht über die Schulter, dann wird sie wieder hochgezogen und das wiederholt sich immer wieder. Nein, eine Stola sollte es für mich lieber nicht sein.

Also es hieß ab ins Internet, da findet man doch alles, dachte ich. Keine gestrickte Jacke für die Braut. „Gut“, sagte ich mir, „Ich habe noch 2 Monate, ab ins nächste Wollgeschäft.“ Auch da gibt es natürlich große Unterschiede, aber ich hatte Glück und das wohl beste Wollgeschäft Hamburgs gefunden. Dort ist alles gut sortiert und es wird eine große Auswahl präsentiert. Ich gehe direkt zu den edleren Garnen und was sehe ich da? Ein flauschiges creme, wie Zuckerwatte in kleiner Knäuelform. Ein Traum. Dazu nehme ich noch goldenen Lurexfaden mit, denn ich hatte d-i-e Idee, während schlafloser durchdachter Nächte.

Damit auch jeder Bescheid weiß, stricke ich den Schriftzug „Braut“ auf der Rückseite ein. Ich war total begeistert.

 

Ein Schnitt war schnell entworfen und den Schriftzug kreierte  ich, wenn ich mit meiner Tochter in einem Kaffee war und sie schlief. Zirka 2 Monate lang habe ich an meinem Brauttraum jeden Abend gestrickt. Mein zukünftiger Mann hat sich lustig gemacht, was ich da für einen Flokati stricke. Der wird sich noch wundern, dachte ich mir.

Ich war so froh, dass ich diesen Traumbolero „erschaffen“ habe. Zum einen hat er schön gewärmt und zum anderen sollte er eine noch größere Bedeutung für mich haben. Wir verlebten einen wunderschönen Hochzeitstag und flogen in die Flitterwochen. Da meine Elternzeit dem Ende zuging überlegte ich, was ich danach machen könnte. In meinem alten Beruf, als Software-Testerin wollte ich nicht unbedingt zurück. Mich ließ die Idee nicht los, meinen Bolero auch für andere Bräute anzubieten, die vielleicht auch genau das suchten.

Also wo fängt man an? Erst mal Marktforschung, ob überhaupt jemand, auf einen Bolero in Strick steht.  Also traute ich mich ein zweites Mal, zog meine Hochzeitssachen an und ging zur Hochzeitsmesse. Ja! Wie sonst kann ich den Brautgeschmack herausfinden. Und tatsächlich wurde ich von einigen zukünftigen Bräuten angesprochen, wo man diesen Bolero kaufen kann. Zusätzlich habe ich meine ersten Partnerinnen mit einem Brautgeschäft gefunden, di e meinen Bolero gern in ihr Sortiment aufnehmen wollten. Ich will auch nicht verschweigen, dass ich einige Absagen von Geschäftsinhabern/innen erhielt. Ich wurde sogar belächelt. Mittlerweile habe ich gelernt das erste Nein ist kein wirkliches Nein.

Ich entwarf noch mehr Modelle, kaufte mir eine Strickmaschine – per Hand geht doch etwas zu langsam und organisierte mein erstes Fotoshooting.

Innerhalb einiger Monate hatte ich meine erste kleine Kollektion, die ich über meine Internetseite und einige Geschäfte vertreibe.

Es war und ist anstrengend, aber ich habe einen Job noch nie so gern gemacht wie diesen. Selbständig zu sein, heißt sich selbst und auch seine Fähigkeiten besser kennenzulernen und vor allem sich weiterzuentwickeln.

Wussten Sie, dass In den Tageszeitungen nur jede fünfte Person (20 %) eine Frau ist? Mein Unternehmen ist noch nicht mal ein Jahr alt und ich war bereits einige Male in der Zeitung. Das schreibe ich nicht, um anzugeben. Das zeigt, um wie viel spannender und selbstgestalteter der eigene Berufs/Existenzalltag ist. Existenz ist auch ein gutes Stichwort. Mir war vorher nicht klar, was ein Arbeitgeber erst einmal erwirtschaften muss, um das eigentliche Geschäft am Laufen zu halten. Hut ab!

 

 

Bee Mohr